Höcke und der Herkules-Kreis

„Für mich ist dieser Windräderwahn, der unsere Kulturlandschaft […] kaputt macht, nichts anderes als Ausfluss von einem tiefen und krankhaften Selbsthass.“ Björn Höcke, 27.05.2016 in Friedlos-Ludwigsau beim ersten Bürgergespräch des Herkules-Kreises.

Herkules-Kreis? Noch nie davon gehört? So ging es mir auch, bis ich am 26.05.2016 eine E-Mail mit dem Aufruf zu einer Gegenkundgebung erhielt. Absender war das Bündnis Bunt statt Braun Hersfeld-Rotenburg. Darin stand, Björn Höcke käme am 27.05.2016 als Hauptredner nach Friedlos-Ludwigsau zu einem Bürgergespräch des sogenannten Herkules-Kreises. Nun, jeder, der schon mal etwas von Höcke und seinen Reden gehört hat, kann sich denken, in welche Richtung diese Veranstaltung mit ihm als Hauptredner gehen würde, aber dazu später mehr.

Trotz der kurzen Vorbereitungszeit nahmen an der Gegenkundgebung in etwa 80 Menschen teil. Im Hintergrund lief Musik der Rolling Stones unterbrochen von mehreren Redebeiträgen der Veranstalter. Es war ein warmer, sonniger Abend. Auf den Zahlreichen Plakaten standen Sätze wie: „Höcke hau ab!“ oder „Kein Mensch braucht Höcke!“. Ja, man wollte dem thüringischen Landtagsabgeordneten der AfD zeigen, dass er nicht erwünscht ist. Doch der kam nicht an der Kundgebung vorbei, sondern wurde auf anderem Wege in die Bürgerstuben, eine kleine Gaststätte, 200 Meter vom Kundgebungsort entfernt, gebracht. Diese Erkenntnis sickerte auch langsam zu uns durch und nach kurzem Überlegen entschlossen wir uns dazu, den Bürgerstuben einen kleinen Besuch abzustatten.

„Geschlossene Gesellschaft“ stand auf einem handschriftlich beschriebenen Blatt Papier an der Eingangstür der Gaststätte. Die Lamellen der Gardinen waren zugezogen. Vertreter der Presse standen bereits vor dem Gebäude sowie drei Polizist*Innen. Die Medien waren nicht erwünscht beim Bürgerdialog. Nach kurzem Zögern gingen wir, unbehelligt von den Beamt*Innen, in Richtung Eingangstür und traten ein. Der Türsteher, ein älterer, stämmig gebauter und hochgewachsener Mann, stand vor dem Eingang zum Saal. Er schaute misstrauisch zu uns herüber. Wir gingen auf ihn zu. Aus dem Saal kam gerade Applaus. Der Initiator der Veranstaltung, Heiner Hofsommer, sprach. Der Mann fragte, ob wir eine Einladung hätten. Wir verneinten und sagten, wir seien aus der Gegend und wollten nur mal zuhören. Er überlegte, musterte uns, und ließ uns schließlich eintreten.

Der Saal war voll. Schätzungsweise 80-90 Menschen, mehr Männer als Frauen, mehr Alte als Junge, saßen da an Tischreihen und am Rand des Raumes. Es war warm, fast stickig. An der Fachwerkwand, hinter der Sitzreihe derer, die wohl Veranstalter und Redner waren, hing eine Deutschlandflagge mit Bundesadler. Rechts davon stand das Rednerpult, ebenfalls mit schwarz-rot-gold überhangen.

Hofsommer hatte sich bereits in Rage geredet. Der ehemalige Landtagsabgeordnete der CDU hatte die Partei aufgrund einer „schleichenden Sozialdemokratisierung“ 1997 verlassen und war der rechtspopulistischen Kleinstpartei „Bund freier Bürger“ (BfB) beigetreten. 1999 trat er als Direktkandidat des BfB für den hessischen Landtag an. Er ist eines der Gründungsmitglieder der AfD.

Als wir uns setzten schrie Hofsommer gerade: „Wir wollen weg von den versifften 68ern, die überall in den Schulen und teilweise in den Kirchen hanebüchene Vorstellungswelten den jungen Menschen um die Ohren hauen […]. Eine breite Bewegung des Resonanzbodens für die AfD macht sich in Deutschland breit und das ist gut so meine Damen und Herren. Dieses Land braucht mehr Leitkultur […]. Die ewige Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftspolitische Dauerbüßeraufgabe lähmt ein Volk meine Freunde.“ Es folgte tosender Applaus. Unser Freund von der Tür klatschte so laut er konnte. Wir fühlten uns das erste Mal so richtig unwohl. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein.

Nach Hofsommer sprach Höcke. Björn Höcke, der schon in der Vergangenheit durch rechtspopulistische und völkische Reden auffiel, enttäuschte seine Zuhörer auch dieses Mal nicht. So bezeichnete er den Bau von Windkraftwerken als „Ausfluss von einem tiefen und krankhaften Selbsthass“, beleidigte Angela Merkel als „Kanzler-Diktatorin“ oder sprach erneut von „über 1000 Jahren Deutschland“.

Schließlich entwarf er einen Gegenentwurf zu der, wie er sie nennt, „One-World-Dystopie“, also einer Welt der offenen Grenzen und der Freizügigkeit. Grenzen, so Höcke, seien nichts Negatives, sondern notwendig und „essenziell dafür, dass Materie überhaupt geformt wird“. Sein Gegenentwurf sieht folgendermaßen aus: In drei Bereichen will Höcke „Interventionsverbote“ einführen. Für raumfremde Mächte, raumfremdes Kapital und raumfremde Völker. Ein autarker Staat also, ohne Emigration oder Immigration; völkischer geht es kaum.

Höcke schloss seine Rede mit dem Aufruf zum „Widerstand des staatstragenden Bürgertums“ und beschwor die Angst vor einem „heimatlosen deutschen Volk“. Als er geendet hatte sprangen die Menschen auf, klatschten und jubelten. Von allen Dingen, die wir an diesem Abend gehört und gesehen hatten, war dies das Beängstigendste gewesen. Wir hatten genug und gingen. Verwirrt, bedrückt, aber vor allem bestärkt in dem Gedanken bei der Kundgebung auf der richtigen Seite gestanden zu haben, verließen wir das Treffen des Herkules-Kreises.

Was aber ist nun der Herkules-Kreis? Viele Informationen gibt es bislang nicht, daher hier der Versuch einer Einordnung: Sucht man im Internet nach Antworten, so stößt man relativ schnell auf die Internetseite von der Flügel, einer von Björn Höcke mitbegründeten rechten Gruppe innerhalb der AfD. Dort heißt es: „Auch wenn der Herkules Kreis überwiegend von AfD-Mitgliedern getragen wird, soll er vor allem jenseits der Partei wirken und für alle politisch Interessierten des freiheitlich-konservativen Milieus, unabhängig von Parteizugehörigkeit o.ä. offenstehen.“

Neben dem Flügel machte auch die von dem rechten Publizisten Götz Kubitschek und dem Verschwörungspublizisten und Herausgeber des Compact-Magazins Jürgen Elsässer gegründete NGO Ein Prozent für unser Land auf ihrer Internetseite in ähnlicher Form Werbung für das Treffen in Friedlos. Ein Prozent meint dabei 1 % der Deutschen, also 800.000 Bürger der Bundesrepublik, die in den Augen der Gründer ausreichen, um die „Auflösung unseres Staates“ zu verhindern. Als Grund für diese vermeintliche Auflösung werden die geflüchteten Menschen angesehen.

Auf der Veranstaltung selbst sahen wir außerdem einen Mann, der ein T-Shirt mit der Aufschrift Bündnis deutscher Patrioten trug. Nach einem kurzen Blick auf deren Facebook-Seite kann man relativ schnell subsumieren, dass es sich dabei zumindest um eine rechtspopulistische Vereinigung handelt die auf ihrem Facebookauftritt den Schulterschluss mit AfD und PEGIDA propagiert, Sarrazin zitiert oder das Bild eines Mannes postet, auf dessen T-Shirt in altdeutscher Schrift steht: „Warum ich braun bin? Weil‘s mir hier langsam zu bunt wird!“

Addiert man nun den rechten Flügel der AfD mit den oben genannten Verschwörungstheoretikern und mindestens einer obskuren rechten Vereinigung, so ergibt sich eine hochexplosive Mischung. Was mit dem Herkules-Kreis bezweckt werden soll ist nicht weniger als der Versuch, die recht(sextrem)en Kräfte in diesem Land zu bündeln und der AfD weitere Wählerzugewinne zu sichern. Weiterhin steht die scheinbare Parteilosigkeit für den Versuch in den Bereich der bislang noch unpolitischen Wähler*Innen hineinzugreifen und mit vermeintlich einfachen Lösungen den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen.

Ich sage: Der sogenannte Herkules-Kreis ist ein gefährliches Experiment der AfD. Diese offenbart damit einmal mehr ihre völkische Gesinnung und öffnet sich weiter dem rechtsextremen Spektrum in unserer Gesellschaft. Wir, als aufrechte Demokrat*Innen und Jungsozialist*Innen, müssen uns an dieser Stelle klar positionieren. Wir müssen uns zum einen aktiv an Demonstrationen und Kundgebungen für eine weltoffene Gesellschaft und gegen die Ideen der AfD und ihrer Gruppierungen beteiligen. Dazu gehört auch, dass wir über neue Formen des Protests nachdenken. Zum anderen müssen wir den Menschen in diesem Land wieder ehrliche, linke und sozialdemokratische Lösungen für die Probleme unserer Zeit aufzeigen und uns inhaltlich der AfD stellen. Das bloße Ignorieren der selbsternannten Alternative ist gescheitert. Ich bin überzeugt davon, dass wir es nur so schaffen können, den Aufstieg der AfD zu stoppen und die Sozialdemokratie zu retten.

 

von René Petzold

Bildrechte: Lizenz

Autoren:Sebastian Fiedler

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