Gerade zu Zeiten von Corona merken wir jeden Tag, welche Fehler in der Vergangenheit zur aktuellen Situation in den Schulen führen. Sei es die kaum angegangene Digitalisierung in Schulen oder einfachste Hygienemaßnahmen im Schulgebäude, welche man seit Jahren anstrebt, aber nicht durchzieht. Tagtäglich müssen wir Schüler*innen mit Lehrer*innen zurechtkommen, welche ganz klar überfordert sind, vom standardmäßigem Overhead-Projektor mal abzusehen und stattdessen den Beamer, falls vorhanden, in Anspruch zu nehmen. Wir Schüler*innen meistern in der Schule nicht nur Lerninhalte, sondern bringen den Lehrer*innen die Digitalisierung nahe.

In meinen 13 Jahren Schule, davon 3 Jahre beim Kreisschülerrat, wurde ich des Öfteren mit den Problemen der Schüler*innen in unserem ländlichen Kreis konfrontiert. Viele waren wirklich verzweifelt, denn oft war es pure Ungerechtigkeit, die sie durch den Schulalltag begleitete.
Ich versuchte, vielen Schüler*innen die Probleme zu nehmen, doch war das aus der damaligen Position heraus einfach nicht möglich. Das war einer meiner Gründe, weshalb ich der SPD und auch den Jusos beigetreten bin.

Wir alle waren begeistert vom Schüler*innen-Ticket, dem Ticket, mit welchem man in ganz Hessen für nur 1€ pro Tag, fahren kann. Naja, wenn man nicht innerhalb eines bestimmten Radius an der Schule wohnt. Und wenn man nicht bereits Oberstufenschüler*in ist, denn das macht ja einen finanziell riesigen Unterschied. Die Meinung von vielen aus meinem Kreis: „absolut hirnrissiger Blödsinn!“. Das ist eine Benachteiligung von Familien, welche finanziell nicht gut aufgestellt sind. Denn auch wenn es sich für uns Privilegierte bei ca. 30 Euro pro Monat nach nicht viel Geld anhört, sind wir verpflichtet auch das schwächste Glied in unserer Bevölkerung ein gleichwertiges Leben zu ermöglichen. Denn wenn ein Kind in der Mittelstufe zu nah an der Schule wohnt, sich aber kein Schüler*innen-Ticket leisten kann und zusehen muss, wie die Freunde in ganz Hessen umherfahren können, außer das Kind selbst, dann ist das ein enormer Schaden, der da angerichtet wird. Ich verstehe viele Oberstufenschüler*innen, die, sobald die Möglichkeit besteht, nur noch mit dem Auto in die Schule kommen, ich bin in diesem Fall ebenso davon betroffen, denn in der ländlichen Region sind die Busverbindungen so knapp berechnet, dass viele entweder 2 Stunden früher aufstehen müssen oder zu bestimmten Unterrichtsenden gar nicht nach Hause kommen.

In den Schulen selbst ist oftmals eine riesige Mängelliste zu führen. Zwar hatte ich persönlich großes Glück mit meiner Oberstufenschule und auch meine Mittelstufenschule besaß Technik, die relativ neu war, dennoch wurde bis vor 4 Jahren immer noch regelmäßig mit dem Overhead-Projektor gearbeitet, der bereits zur Schulzeit mancher Lehrer*innen eingesetzt wurde. Ein Lehrer bewies sogar einmal, dass er diesen OHP in seiner Schulzeit nutzen musste, da seine Initialen in den Boden geritzt waren. Wir waren baff, schockiert und gleichzeitig neugierig, wie ein solches Gerät Jahrzehnte überleben konnte und scheinbar keine digitale Revolution in Sicht war. Es war, als würde der Großvater des Beamers so lange auf die neue Technik warten, damit auch er sie einmal zu Gesicht bekommt und dann in den Ruhestand kann. Hoffen wir, dass bald alle OHP endlich in den Ruhestand gehen können und wir die Mittel zur Digitalisierung in die Hand nehmen können. Es existieren bereits Mittel vom Bund, welches die Länder benutzen können, aber es scheint, als würde die hessische Landesregierung „heiße Kartoffel“ mit diesen Geldern spielen, denn wirklich anpacken geht anders und wer muss das Leid spüren? Nicht nur Schüler*innen sondern auch ganz besonders Lehrer*innen.

Der Unterricht muss von ihnen vorbereitet werden, viele Versuchen die digitalen Aspekte der aktuellen Zeit einzubeziehen, aber wo kein Endgerät ist, kann auch kein digitaler Unterricht stattfinden. Dazu kommt erschwerend, dass die Lehrer*innen natürlich trotz aller digitalen Experimente den Lerninhalt so vermitteln müssen, dass gegebenenfalls auf der Basis dessen eine Haupt-, Real- oder Abiturprüfung geschrieben werden kann. Da bleibt selten Zeit für pädagogische Maßnahmenkonzepte, welche womöglich auch digitale Lernmodule beinhalten, zum Beispiel zum Thema Cybermobbing, welches leider immer noch viel zu wenig diskutiert wird und dessen Folgen unglaublich schlimm sind, in nicht wenigen Fällen sogar bis zum Suizid führen. Aber nein, der Lerninhalt muss gebüffelt werden und da führt kein Weg dran vorbei. So makaber wie es klingt, man könnte fast Kollateralschäden attestieren, über die kurz bei der nächsten Gesamtkonferenz gesprochen wird, aber Letzten Endes werden sie hingenommen. Zu sehr die Sorge, der Prüfungsschnitt könnte schlechter werden als die Jahre davor, schließlich wirft das ein schlechtes Image auf die Schule. Schüler*innen, welche im Unterricht geschwächt auftreten, wird in der Regel ein Förderkonzept nahegelegt. Erster Tipp: „Organisieren Sie sich bitte einen Nachhilfelehrer, der den verpassten oder nicht verstandenen Stoff wiederholt und intensiviert!“ Das klingt alles schön und gut, bis man auf die Preise für viele professionelle Nachhilfelehrer*innen schaut und feststellt, dass gute Noten in der Schule eben doch sehr häufig vom Geldbeutel der Eltern abhängig sind. Ein Umstand, welcher viele Schüler*innen vor große Probleme stellt. Eine Aktion möchte ich hierbei nicht unerwähnt lassen, da sie ein Beispiel für couragiertes Schulleben ist. An vielen Schulen wird SfS-Nachhilfe angeboten, das bedeutet Schüler*innen für Schüler*innen, welche meist von höheren Jahrgangsstufen angeboten wird und die Schule beteiligt sich ebenfalls durch Bereitstellung der Räumlichkeiten. Oft steht dann noch ein Lehrer zur Verfügung, der sich aber insbesondere um besonders problematische Aufgabenstellungen oder um das Kopieren von Arbeitsblättern kümmert. Aber sind wir mal ehrlich, so schön wie die Aktion auch ist: Das ist nur ein geringfügiger Ersatz zu einer professionellen Nachhilfe und die Landesregierung hat somit nur ein kleines Pflaster auf einer klaffenden Wunde befestigen können. Ernsthafte Maßnahmen wäre die Förderung von Schüler*innen, welche besondere Probleme in der Schule haben durch Überforderung, aber auch die bessere Förderung von Hochbegabten, welche oftmals im Schulalltag komplett untergehen. Wir benötigen mehr Geld um den Lehrer*innen mehr Seminare zu ermöglichen und wir brauchen ganz dringend mehr Lehrer. An vielen Schulen sind Naturwissenschaften wie Chemie, Physik und Biologie mit Füßen getreten worden, da man alles verkommen lassen hat. Manche Räume „Fachräume“ zu nennen, ist eigentlich nur Betrug und Lehrer*innen wissen es genauso wie Schüler*innen, wobei beide nur die Leittragenden sind und nicht die Schuldigen.

Kaum andere Verhältnisse sind an Oberstufen zu betrachten. In meinem Kreis existieren 5 Oberstufen und davon haben fast alle das gleiche Problem:
Unzureichende Hygiene in den Sanitäranlagen, in den meisten Fällen gibt es nicht mal Warmwasser, welches beim Händewaschen eigentlich empfohlen wird. Desinfektionsmittel ist ein Luxusgut, welches sich die meisten Schulen nicht leisten können. Die Bestuhlung und Tische sind, wenn es vor kurzem keine Renovierung gab, oft ein Relikt aus Zeiten unserer Eltern und auch hier ist vor allem eins entscheidend: Der Schnitt der Abiturprüfung. Es herrscht ein enormer Leistungsdruck, welcher sich leider oftmals im Drogenkonsum verliert, insbesondere bei den leistungsfördernden Drogen. Es existiert grundsätzlich freie Kurswahl, mit Ausnahme einiger Fächer, dennoch ist es nicht immer möglich, Kurs x auch als Leistungskurs zu belegen. Denn hierfür müsste es nicht nur geeignete Fachlehrer*innen geben, welche immer seltener werden. Die Schule muss zudem garantieren, dass es diesen Leistungskurs auch im darauffolgenden Schuljahr gibt, damit Schüler*innen, die einen Jahrgang wiederholen, ihre Leistungskurse wiederhaben. Das führt im ländlichen Raum, welcher sich dem demografischen Wandel ausgeliefert fühlt, zu einer beschränkten Kurswahl und beschränkt viele Schüler*innen in ihrer bestmöglichen Wahl.

Wir leben in einer sich ständig wandelnden Zeit. In einem Jahr ist noch die französische Revolution relevant, im nächsten Jahr überspringt man Jahrhunderte, dennoch sollte man für die Schüler*innen einen Konsens finden, bezüglich der Digitalisierung und der Umstände an hessischen Schulen. Der wichtigste Schritt hierfür wäre die aktive Einbindung der Schüler*innen. So abstrus es für den Kultusminister Lorz klingen mag, wir Schüler*innen wissen, was an den Schulen fehlt und welche Probleme massiv sind. Also ein kleiner Tipp, falls wieder relevante Entscheidungen getroffen werden sollten, die Landesschüler*innenvertretung sowie die Kreisschüler*innenvertretungen sind immer offen für Fragen. Dafür treten wir gemeinsam stark auf, deshalb solidarisiere ich mich jeden Tag mit den gewählten Vertreter*innen, um irgendwann bessere Schulen zu gestalten.


von Kosta Panou

(7.898 Zeichen)